Letzte Woche war es wieder soweit: Mein ICE von Hamburg nach München hatte 90 Minuten Verspätung. Grund: „Streckenschaden aufgrund von Alterung der Gleisanlagen.“ Ich saß im Bordrestaurant, trank einen viel zu teuren Kaffee und hörte zu, wie ein älterer Herr neben mir schimpfte: „Früher war die Bahn pünktlich. Heute muss man einen Tag einplanen für eine Strecke, die mal 4 Stunden dauerte.“
Er hat nicht ganz unrecht. Die Diskussion um die Sicherheit des deutschen Bahn-Streckennetzes ist in letzter Zeit lauter geworden. Aber wie schlimm ist es wirklich? Fahren wir auf einer tickenden Zeitbombe? Oder ist das nur das übliche deutsche Gemecker?
Ich habe mir die Fakten angeschaut. Und sie sind ernüchternd.
Der Zustand des deutschen Schienennetzes
Die Deutsche Bahn betreibt rund 33.000 Kilometer Schienennetz. Ein großer Teil davon stammt aus der Nachkriegszeit – ja, teilweise sogar aus der Kaiserzeit. Viele Strecken sind 100 Jahre und älter, die Brücken, Signalanlagen und Weichen wurden über Jahrzehnte vernachlässigt.
Laut dem aktuellen „Zustandsbericht der Schieneninfrastruktur“ (veröffentlicht vom Eisenbahn-Bundesamt) sind:
- Über 25 Prozent der Brücken in einem „nicht ausreichenden“ oder „mangelhaften“ Zustand
- Rund 1.800 Langsamfahrstellen aufgrund von Streckenschäden
- Jährlich über 100.000 Störungen an Stellwerken und Signalanlagen
- Ein Sanierungsstau von mindestens 60 Milliarden Euro
Klingt besorgniserregend, oder?
Ist das Bahnfahren dadurch gefährlich?
Die gute Nachricht: Nein. Die Bahn ist immer noch eines der sichersten Verkehrsmittel der Welt. Ein Zug entgleist nicht einfach so. Die Sicherheitssysteme sind mehrfach redundant. Wenn eine Strecke als unsicher gilt, wird sie gesperrt oder es wird langsamer gefahren – daher auch die vielen Langsamfahrstellen.
Das Problem ist nicht die akute Gefahr, sondern die Zuverlässigkeit. Die Sanierungsstaus führen zu immer mehr Verspätungen, Zugausfällen und Umleitungen. Für den Alltag der Fahrgäste bedeutet das: mehr Stress, längere Reisezeiten und weniger Planbarkeit.
Ein Beispiel: Seit 2020 ist die Quote der pünktlichen Fernverkehrszüge von knapp 80 Prozent auf unter 65 Prozent gefallen. Jeder dritte ICE hat Verspätung. Und das liegt nicht an den Zügen selbst – die sind modern und zuverlässig – sondern am maroden Netz.
Was die Politik tun müsste
Die Ampel-Regierung hat 2024 das „Bundesschienenwegeausbaugesetz“ verabschiedet und 45 Milliarden Euro für die Schiene bis 2030 versprochen. Klingt viel, ist aber laut Experten nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Sanierungsstau wächst jedes Jahr um weitere 2-3 Milliarden.
Was fehlt, ist eine langfristige Strategie: Statt immer nur zu flicken, müsste die Politik ganze Streckenabschnitte für Monate komplett sperren und generalsanieren. Die Schweiz macht es vor: Dort wurde das gesamte Netz in den letzten 20 Jahren auf Vordermann gebracht – mit dem Ergebnis, dass die Schweizer Bahn pünktlicher ist, mehr Strecken hat und weniger Störungen meldet.
Was Fahrgäste jetzt tun können
Bis sich am Netz etwas ändert, müssen wir Fahrgäste uns leider gedulden. Ein paar Tipps für entspannteres Reisen mit der Bahn:
- Großzügige Umsteigezeiten einplanen – mindestens 15 Minuten, nicht die 5 Minuten, die die Bahn vorschlägt
- ICE-Sparpreis mit Risiko – wer Flexpreis bucht, kann bei Verspätung einfach den nächsten Zug nehmen
- Bahn-App nutzen – push-Benachrichtigungen für Verspätungen aktivieren
- Entschädigung einfordern – bei 60+ Minuten Verspätung gibt es 25% des Fahrpreises zurück, bei 120+ Minuten 50%
Und: Wer die Wahl hat zwischen Auto und Bahn, sollte je nach Strecke abwägen. Für Kurzstrecken bis 200 km ist der Zug oft schneller, für lange Strecken über 600 km das Flugzeug. Dazwischen – naja, da hilft nur Geduld.
Fazit: Nicht gefährlich, aber unzuverlässig
Das deutsche Bahnnetz ist nicht lebensgefährlich. Aber es ist in einem schlechten Zustand, der die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit massiv beeinträchtigt. Die Politik hat jahrzehntelang gespart, jetzt müssen wir Fahrgäste die Zeche zahlen.
Vielleicht hilft es, beim nächsten „Streckenschaden“ im ICE einfach tief durchzuatmen. Es ist nicht die Schuld des Zugbegleiters, dass die Gleise seit 50 Jahren nicht erneuert wurden.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn? Hatten Sie schon einmal eine kritische Situation? Oder sind Sie trotz allem zufriedene Bahn-Kundin? Schreiben Sie es in die Kommentare – ich bin gespannt auf Ihre Geschichten!



