Es war im Jahr 2005. Mein Bankberater saß mir gegenüber, lächelte väterlich und sagte: „Herr Müller, wenn Sie jetzt nicht vorsorgen, werden Sie im Alter arm sein. Aber ich habe genau das Richtige für Sie.“
Ich unterschrieb. Wie Millionen andere auch. Heute, über 20 Jahre später, kann ich nur sagen: Es war mein größter finanzieller Fehler. Lassen Sie mich erklären, warum.
Der Köder: Was uns die Banken versprachen
Die Rechnung klang damals so einfach: Sie zahlen jeden Monat einen kleinen Betrag in einen Riester-Vertrag ein. Der Staat gibt Ihnen ordentlich Zulagen obendrauf (175 Euro Grundzulage pro Jahr, 300 Euro pro Kind). Das Geld wird sicher angelegt. Und am Ende gibt’s eine lebenslange Rente.
Klingt gut, oder? Zu gut, wie sich herausstellte.
Was uns die Bankberater verschwiegen: Die hohen Abschlusskosten, die jährlichen Verwaltungsgebühren, die intransparenten Fonds, die mickrigen Garantiezinsen. Und vor allem: Dass man das Geld im Alter verrenten muss, also in eine monatliche Rente umwandeln – zu Konditionen, die die Versicherung festlegt, nicht Sie.
Die Realität: Was aus meinem Riester-Vertrag wurde
Ich habe 20 Jahre lang eingezahlt. Monatlich 100 Euro. Macht 24.000 Euro Eigenbeitrag. Plus staatliche Zulagen von rund 4.000 Euro. Insgesamt also 28.000 Euro.
Klingt nach einem soliden Polster, oder? Falsch gedacht.
Nach 20 Jahren war mein Vertrag gerade einmal auf 26.500 Euro angewachsen. Ja, richtig gelesen. Weniger als eingezahlt. Die Kosten haben die Zulagen und die mickrigen Erträge aufgefressen. Ein Frechheit.
Zum Vergleich: Hätte ich dieselben 100 Euro monatlich in einen breit gestreuten ETF-Sparplan auf den MSCI World gesteckt, wären daraus heute etwa 45.000 bis 50.000 Euro geworden. Bei TER-Kosten von 0,2 Prozent pro Jahr. Ohne Verrentungszwang.
Das böse Erwachen: Die Verrentung
Jetzt kommt der eigentliche Hammer. Wer seinen Riester-Vertrag „bespart“ hat und ins Rentenalter kommt, muss das angesparte Kapital in eine lebenslange monatliche Rente umwandeln. Und hier zeigt sich das wahre Gesicht der Riester-Rente:
- Die Rentenfaktoren sind oft extrem niedrig (um die 25 Euro monatliche Rente pro 10.000 Euro Kapital)
- Die Überschussbeteiligung der Versicherer sinkt seit Jahren
- Einmalige Kapitalauszahlung? Nur bei Neuverträgen ab 2022 möglich
- Wer vorzeitig kündigt, muss alle Zulagen zurückzahlen
Ein Kollege von mir hat letztes Jahr seine Riester-Rente ausgezahlt bekommen. Bei 34.000 Euro angespartem Kapital bekommt er satte 86 Euro Rente pro Monat. Dafür hat er 25 Jahre eingezahlt. Eine Lachnummer.
Bin ich allein mit dieser Erfahrung?
Nein. Laut einer Untersuchung der Stiftung Warentest sind zwei Drittel aller Riester-Verträge teuer, unflexibel oder schlichtweg unrentabel. Von den rund 16 Millionen abgeschlossenen Verträgen stecken viele in der Kostenfalle.
Auch die Politik hat längst erkannt, dass Riester reformbedürftig ist. Die Ampel-Regierung hat 2023 das „Altersvorsorgedepot“ angekündigt – eine Art Riester 2.0 mit weniger Bürokratie und geringeren Kosten. Passiert ist bis heute wenig. Klassische deutsche Politik: Problem erkannt, Lösung verschleppt.
Was ich heute anders machen würde
Aus meinen Fehlern habe ich gelernt. So würde ich heute vorsorgen:
- ETF-Sparplan statt Riester: Monatlich 100-200 Euro in den MSCI World oder FTSE All-World. Keine hohen Kosten, keine Verrentungsfalle, volle Flexibilität.
- Basisrente (Rürup) für Selbstständige: Steuerlich attraktiv, aber nur für bestimmte Berufsgruppen sinnvoll.
- Betriebliche Altersvorsorge prüfen: Wenn der Arbeitgeber was dazugibt, meist besser als Riester.
- Immobilie als Altersvorsorge: In den eigenen vier Wänden zu wohnen ist die natürlichste Form der Altersvorsorge – und steuerfrei.
Was habe ich mit meinem alten Riester-Vertrag gemacht? Ich habe ihn auf Beitragsfrei gesetzt. Keine weiteren Einzahlungen, kein neuer Vertrag. Das bisher angesparte Geld bleibt drin, aber ich werfe kein gutes Geld mehr dem schlechten hinterher.
Fazit: Lernen aus dem Riester-Desaster
Die Riester-Rente war in den Nullerjahren der Verkaufsschlager der deutschen Versicherungsbranche. Politisch gewollt, steuerlich gefördert, von der gesamten Finanzbranche beworben. Und trotzdem ist sie für die Mehrheit der Sparer eine Enttäuschung.
Das Problem war nicht die Idee an sich – private Altersvorsorge zu fördern, ist richtig. Das Problem war die Umsetzung durch die Versicherungswirtschaft: zu hohe Kosten, zu intransparente Produkte, zu viele Hürden für den Verbraucher.
Wenn Sie heute noch einen Riester-Vertrag haben und überlegen, ob Sie weitermachen sollen: Holen Sie sich unabhängige Beratung. Nicht bei Ihrem Bankberater, sondern bei einem Honorarberater oder der Stiftung Warentest. Und überlegen Sie, ob ein günstiger ETF-Sparplan nicht die bessere Alternative ist.
Ich habe meinen Fehler eingesehen. Und mache es jetzt besser. Denn eines ist sicher: Die gesetzliche Rente allein wird nicht reichen. Aber die richtige private Vorsorge sieht eben anders aus, als uns die Banken vor 20 Jahren weismachen wollten.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Riester-Rente? Haben Sie auch einen Vertrag abgeschlossen und bereuen es? Oder sind Sie einer der wenigen, die damit gut gefahren sind? Schreiben Sie es in die Kommentare – ich bin gespannt auf Ihre Geschichten.



